KATALONIEN IST SO FREI

Das Wochenende nachdem Carles Puigdemont einseitig Kataloniens Unabhängigkeit erklärt hatte, gehörte trotzdem oder gerade deswegen den Befürwortern der Einheit Spaniens. Ein deutliches Bekenntnis zu Europa wurde hier auch manifestiert. Unser Reporter, Jochen Sand, war vor Ort und hat sich umgesehen. Fotos / Text: Jochen Sand

 

Dem Phantomschmerz vieler Katalanen, von Faschisten aus Madrid zentralistisch diktiert zu werden, wird zunächst Linderung verschafft durch die Ankündigung des umstrittenen Referendums zur Lossagung von der Herrschaft für den 01. Oktober 2017.

Den Prozess zum Unabhängigkeitsreferendum, den Artur Mas, Vorgänger von Carles Puigdemont an der Spitze der katalanischen Regionalregierung, 2010 einleitete, hatte Puigdemont medial, wie auch rhetorisch geschickt verstärkt. Beide verknüpften das angebliche Demokratievakuum, in dem sich Katalonien durch die zentralistische Herrschaft aus Madrid befinde,  mit den Problemen, mit denen sich die Region – wie auch der Rest Spaniens – nach der Weltwirtschaftskrise noch heute konfrontiert sieht. 

Diese brachiale Entkoppelung von Ursache und Wirkung einer wirtschftlichen Schieflage durch eine lange anhaltende Rezession führt vor allem bei jungen Katalanen zu der scheinbaren Erkenntnis, dass die eigene Zukunft nur dann zu retten sei, wenn sich die Region von der Despotie aus Madrid befreien würde.

Die übergroße Mehrheit der Katalanen allerdings spürt den Schmerz nicht mehr, den Puigdemont und sein parteiübergreifendes Bündnis für die Abspaltung, Junts pel Sí, gerade aktivieren. Er ist das Ergebnis der Wunden ihrer Väter und Großväter, die diese gegen das wirklich faschistische Regime Francos während seiner 40 Jahre dauernden Herrschaft von 1936 bis 1975 erlitten haben. Angekommen im Europa des 21. Jahrhunderts fällt es ihnen schwer, im amtierenden Ministerpräsidenten einen faschistischen Herrscher zu erkennen. Ihr Selbstbild ist geprägt von freiheitlich demokratischen Überzeugungen, die sie in Europa heute verwirklicht sehen.

Es schien eine Weile so zu sein, dass die Gegner der Abspaltung Kataloniens von dem Tempo, das die Independendistas in dem Prozess vorgelegt hatten, überrumpelt gewesen sind. Ohnehin mussten sie sich zunächst vergegenwärtigen, warum die Bewegung gerade jetzt mit dieser Vehemenz und Unbedingtheit vorangetrieben wird. Und mit welchen Interessen? Die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die sich ergeben werden, sind noch gar nicht abzusehen.

Am Tag nach der Erklärung der Unabängigkeit ist es seltsam still gewesen in Barcelona. Wie auch sonst zogen Tausende Touristen durch die gängigen Sightseeing-Spots der Stadt. An den Fassaden der Häuser flatterte mal die katalanische Estelada, mal die Rojigualda, die spanische Flagge. Vor der Generalitat de Catalunya an der Plaça de Sant Jaume, dem Amtssitz Puigdemonts, waren internationale Kamerateams aufgestellt – für alle Fälle. Und auch vor dem katalanischen Parlament nahe des Zoos standen nur vereinzelt noch Kameraleute, die sich mit Lichttests auf Eventualitäten vorbereiteten, die nicht passierten.

Vor der Generalität tauchte später an dem Samstag eine Prozession von Angehörigen des Militärs der nordmarokkanischen Rif-Region auf, die die noch immer starke Militarisierung ihrer Region seit dem Ende der Rif-Kriege gegen Spanien im frühen 20. Jahrhundert beklagten. Dabei schwenkten sie die marokkanische Fahne, wie auch die der katalanischen Unabhängigkeit und die Flagge der Berber.

Erst am Sonntag liefen die Straßen wieder voll mit amtsspanischem Rotgelb. Für diesen Tag hatten die Gegner der Unabhängigkeitsbewegung eine Kundgebung auf der Passeo de Graçia angekündigt, einer Prachtstraße, die an ihrem südlichen Ende auf den Plaça Cataluya mündet. Es sollte eine der größten Kundgebung werden, die die Stadt je gesehen hat. Endlich hatten sie die Kraft gefunden aufzustehen, das Schweigen der Mehrheit zu brechen und Hunderttausende zu mobilisieren für ein überdeutliches: JUNTOS – Gemeinsam! 

Es sprachen u. a. Josep Borrell, Präsident des Europäischen Parlamentes 2004-2007, der frühere Außenminister der amtierenden Regierungspartei, Partido Popular, Josep Piqué und Paco Frutos, der frühere Generalsekretär der spanischen Kommunisten. Sie alle sprachen sich aus gegen den Totalitarismus, die Bevormundung und die Denunziationen der Koalition der Separatisten, für die diejenigen Faschisten seien, die nicht ihrer Meinung sind.

Unter tosendem Beifall und wehenden spanischen, europäischen und katalanischen Fahnen reklamierten sie, mehr Brücken zu bauen und weniger Mauern, wurden Lieder gesungen, die die Einheit Spaniens beschworen. Carles Puigdemont und der lokale Fernsehsender TV3 wurden als Manipulatoren beschimpft, die ihre Quittung am 21. Dezember an den Wahlurnen bekommen würden. 

Wo Nationalfahnen wehen sind oft Neonazis nicht weit. So war es auch hier. Die fünfzig, die kamen wurden jedoch von der schieren Masse der weltoffenen Europabefürworter freundlich aufgesogen und gut verdaut. Und so war es am Ende ein schillerndes, lautes und enthusiastisches Fest für die Kraft der Einheit Spaniens.

 

Dieser Artikel wurde von den Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) in der deutschen Sektion ihres in fünf Sprachen erscheinenden politischen Online-Magazines veröffentlicht.